18.02.2016

Initiiert von der Männerrunde
 hatten sich zahlreiche Gemeindemitglieder im Gemeindehaus eingefunden, um von Pfarrer i. R. 
Harald Bollermann 
etwas über
Tansania 
zu erfahren.

 

Harald Bollermann war fast 4 Jahre mit seiner Frau in Tansania. 

Birgit Pötzsch war im Auftrag des Leipziger Missionswerks (LMW
mit einem Lehrauftrag in einer Schule des tansanischen Bischofs der Lutherischen Kirche auf dem Land in einem kleinen Dorf beschäftigt. 

Harald Bollermann begleitete sie und hatte ebenfalls die Erlaubnis, dort zu unterrichten. Beide lernten dort die Landessprache Swahili und versuchten, die dortige Mentalität der Menschen zu ergründen und zu "helfen".

Der neue (5.)Präsident  Magufuli will mit dem Besen alles zum Besten kehren

Sie merkten bald, wie schwer es ist, sich in die Denkweise einzufühlen. Das Denken und Handeln geht von dem Gedanken der Kollektivität aus. Die Großfamilie ist der Mittelpunkt des Handelns des Einzelnen. Die Ordnung ist streng hierarchisch, das Gottvertrauen unendlich!

 

Einige Beispiele: stirbt ein Mitglied der Großfamilie, wird alles liegengelassen und getrauert ( wichtige Arbeiten bleiben liegen, Termine werden nicht eingehalten). Wenn eine spezielle Spende aus Europa ankommt, "versandet" diese in der Familie des Empfängers (Das Oberhaupt bestimmt, was gemacht wird). Wenn eine Spende für ein Krankenhaus einmal ausbleibt, sterben die Menschen eben und es war Gottes Wille (Die von Europa unterstützten Projekte verlassen sich auf die Hilfe. Keine Missionsgesellschaft will riskieren, dass die Projekte scheitern, ein Bittbrief reicht aus, das Geld kommt und eigenes Tun im Land ist nicht nötig!?). Fast alle Entwicklungsgelder bringen kaum einen Fortschritt in unserem Sinne, die Bevölkerung ist arm und macht selbst keine Anstalten es zu ändern. Positiv ist: die Regierung will die Armut bekämpfen, will Bildung für alle erreichen und Krankheiten bekämpfen. Seit der Staatsgründung im Jahr1964 mit dem ersten Präsidenten J.K.Nyerere ist dies das Ziel, es ist seitdem  ruhig im Land, aber es geht sehr, sehr langsam voran.

Für Europäer, die helfen wollen, eine Ordnung herzustellen , Erziehung zur Selbstständig erreichen wollen, gelten inzwischen als rassistisch und Besserwisser, die ignoriert werden.

 

Alle Menschen im Dorf haben etwas Land, das sie ernährt (links)

In einer Gastwirtschaft (rechts) wird gutes Essen gereicht. Der Europäische Komfort ist nur teilweise zu erkennen (Plastikstuhl, Smartphon)

Die Missionsgesellschaften setzten heute mehr auf eine Unterstützung von Einheimischen durch Stipendien in Deutschland in der Hoffnung, dass bei der Rückkehr unsere Denkweise des Fortschritts in Tansania Früchte trägt. Aber die Erfahrung lehrt oft, das die bei uns gebildeten vor Ort sofort in das alte hierarchische Denken zurückfallen,  im Land zur Oberschicht gehören, zu den Superreichen und die Kluft zwischen arm und reich, zwischen Gebildeten und Ungebildeten nur größer wird.

"Helfer" kann man in Tansania nicht gebrauchen, aber Menschen, die mit den dortigen Menschen leben, sich als Partner verstehen und im gemeinsamen Tun vielleicht doch einen "Fortschritt" erreichen. 

Auch wir Europäer mit unserem Individualismus, unserem selbstbestimmten Leben, unserem Aktivismus, sollten etwas von dem Gottvertrauen der Tansanier lernen, nicht nur an die Zukunft oder die Vergangenheit denken und mehr dem Augenblick  Raum geben, um zufriedener zu werden.

 

Beate Fleischhauer berichtet: 
(Beitrag für den Blickpunkt April - Mai 2016)

 

Schwarz und Weiß….und was ist dazwischen?
Gemeindeabend mit Pfr. Harald Bollermann am 18.02.2016
Harald Bollermann, früherer Superintendent und langjähriger Pfarrer in Cappel, war auf Einladung von Joachim Krech ( Männerrunde) gekommen, 
um über die Erfahrungen zu berichten, die er und seine Frau Birgit Pötzsch während ihrer 4jährigen Lehr - und Lebenszeit in Tansania machen konnten
Tansania ist ein Staat in Ostafrika, liegt am Indischen Ozean und ist 2 ½ mal so groß wie Deutschland.
Das im 19.Jt. zusammen mit Ruanda und Burundi eroberte Gebiet war bis zum 1. Weltkrieg Kolonie Deutsch-Ostafrika . 
Das tansanische Festlandsgebiet kam als Tanganyika Terrirory dann unter britische Herrschaft und wurde nach dem 2. Weltkrieg als Treuhandgebiet der UNO verwaltet
1961 erhielt Tanganyika die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich und nach der Unabhängigkeitserklärung Sansibars verbanden sich Tanganyika und Sansibar 
und gründeten 1964 die Vereinigte Republik Tansania. Englisch ist keine Amtssprache mehr, Nationalsprache ist Swahili. 99% der Bevölkerung sind Schwarzafrikaner, 
aber es gibt auch Menschen mit Vorfahren aus Arabien und dem seinerzeit britisch verwalteten Indien.
Sansibar ist zu 98% islamisch geprägt, im Binnenland sind 30-40% christlich. Dabei gibt es eine besonders starke Präsenz der Lutheraner, 
die die größte evangelische Kirche im Lande darstellen.
 Birgit Pötzsch erhielt vor 4 Jahren einen Lehrauftrag an einer Schule zur Ausbildung  von Gemeindepädagogen, und ihr Mann unterstützte sie ehrenamtlich bei ihrer Arbeit 
in Schule und Dorfgemeinschaft. Beide mussten Swahili erlernen und sich auf sehr andere Lebens- und Denkweisen einstellen, die sich durch das Aufeinandertreffen zweier 
so grundverschiedener Kulturen ergaben.
Der erste Staatspräsident Nyerere nahm als Modell für die Umgestaltung der Gesellschaft die "Ujamaa", die Dorfgemeinschaft . 
Wie  das Ehepaar Bollermann feststellen konnte, prägt dieses kollektivistische Modell einer Großfamilie mit allen gegenseitigen Bedürfnissen und  Pflichten 
auch heute noch das dörfliche Leben. Jeder ist verpflichtet, dem anderen jederzeit zu helfen. Die Bedürfnisse der Familie haben unbedingten Vorrang , die Zeit spielt dabei keine Rolle:
Zeit ist, was jetzt ist! Alles übrige ist Gottes Wille!
 Das hierarchische Gesellschaftssystem verhindert auch heute noch vehement eigene persönliche Gedanken und Entscheidungen. 
Schon vom Kindergarten an erfolgt eine reine Indoktrination, die sich durch alle Einrichtungen fortsetzt und eine Änderung der Verhältnisse zumindest sehr erschwert..
Wie Harald Bollermann abschließend  betonte, seien Veränderungen nur möglich, wenn man das Verbindende unter den Menschen  suche, 
ohne als "reicher Europäer" auf dem hohen Ross zu sitzen und zu glauben allein mit Geldspenden die Armutsprobleme Afrikas zu lösen. 
Nur die Zusammenarbeit an gemeinsam beschlossenen Projekten sei langfristig eine Chance.
Das war ein  eindrucksvoller und nachdenkenswerter Ausflug in eine ganz andere Welt, für den man dem Referenten  sehr danken muss!

 


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